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28.02.2014

Podiumsdiskussion: Bester Journalismus durch Talentmix und sichere Strukturen


Gibt es ihn noch, den unabhängigen, gut recherchierten Journalismus? Leisten sich privatwirtschaftliche Verlage und öffentlich-rechtliche Sender weiterhin aufwendige Langzeitrecherche, wo doch im Zeitalter von Twitter und Co. alles immer schneller, kürzer, flüchtiger und billiger wird? Passt der journalistische Anspruch, relevante Wahrheiten aufzudecken, noch ins Konzept und ökonomische Korsett der Verleger?


Auf dem Podium: Prof. Stephan Weichert, Hans Leyendecker, Marcel Rosenbach und Anne Kathrin Thüringer (von links nach rechts)


Gibt es ihn noch, den unabhängigen, gut recherchierten Journalismus? Leisten sich privatwirtschaftliche Verlage und öffentlich-rechtliche Sender weiterhin aufwendige Langzeitrecherche, wo doch im Zeitalter von Twitter und Co. alles immer schneller, kürzer, flüchtiger und billiger wird? Passt der journalistische Anspruch, relevante Wahrheiten aufzudecken, noch ins Konzept und ökonomische Korsett der Verleger? Altmeister Hans Leyendecker (Süddeutsche Zeitung), NSA-Aufdecker Marcel Rosenbach (Der Spiegel) und Nachwuchstalent Anne-Kathrin Thüringer, die für ihre ARD-Dokumentation über die Opfer des NSU-Terrors von CNN zum „Journalist of the Year 2013“ gewählt wurde, gehören zum Besten, was der deutsche Journalismus zu bieten hat. Mit ihnen diskutierte Professor Stephan Weichert von der Hamburg Media School zum Thema „Journalisten unter Druck: Wenn Recherche zum Luxus wird“. Eingeladen hatten der Kasseler Presseclub, die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk (LPR), CNN sowie der Verein „investigate!“.

Dabei wurde den rund 160 Gästen im Südflügel des Kasseler Kulturbahnhofs schnell deutlich, dass sich auf dem Podium recht unterschiedliche Erfahrungswelten begegneten. Während sich Hans Leyendecker und Marcel Rosenbach („Hans Leyendecker und ich gehören sicher nicht zum journalistischen Prekariat.“) bei ihren Recherchen auf komfortable Verlagsstrukturen verlassen dürfen, beklagte die freie Fernseh-Journalistin Anne-Kathrin Thüringer vor allem die Situation ihrer Kollegen. Deren Dilemma: Aufwendige Vorrecherchen müssen zunächst aus eigener Tasche bezahlt werden. Dieses finanzielle Risiko aber gehen aus gutem Grund nur wenige ein. Dass das so genannte Crowdfunding, bei dem Journalisten im Internet für ihr Thema auf Suche nach privaten Geldgebern gehen, kein Allheilmittel für desolate Finanzierungsstrukturen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein kann, wurde schnell deutlich. Hans Leyendecker etwa kritisierte, dass derlei Geldbeschaffung eine unabhängige Recherche kaum ermöglicht: „Das Problem beim Crowdfunding ist, dass das Ergebnis von vornherein festgelegt wird und man nicht mehr ergebnisoffen recherchieren kann.“

Wie es denn sein könne, dass die öffentlich-rechtliche Seite über wachsenden Kostendruck klage, obwohl sie gleichzeitig höhere Gebühreneinnahmen verzeichne, fragte sich Marcel Rosenbach. Und Hans Leyendecker ergänzte: „Wer fest ist, sitzt in Konferenzen, die Freien recherchieren.“ Dagegen helfe nur, so Thüringer, dass sich die freien Journalisten solidarisierten und für die eigenen Arbeitsbedingungen kämpften.

Gegen diese Schelte indes scheint der bemerkenswerte Rechercheverbund zwischen der Süddeutschen Zeitung, dem WDR und NDR zu sprechen, der seit wenigen Wochen unter der prominenten Führung des Leyendecker-Vertrauten und ehemaligen „Spiegel“-Chefredakteurs, Georg Mascolo, existiert. Leyendecker bezeichnete das Team als „sehr charakterstark“ und nannte es „eine Gnade des Alters“ selbst dabei zu sein. „Den besten Journalismus kriegt man hin mit unterschiedlichen Talenten“, so der Rat des Altmeisters.

Weniger euphorisch fiel dagegen Marcel Rosenbachs Bewertung aus, der sich sorgte, wie die für ihre kritische Berichterstattung bekannte Medienseite der „Süddeutschen Zeitung“ künftig mit den öffentlich-rechtlichen Kooperationspartnern umgehe. Crossmediale Zusammenarbeit werde beim „Spiegel“ auch ohne den Einsatz öffentlichen Geldes groß geschrieben, sei es durch die sehr enge Zusammenarbeit im eigenen Haus mit den Kollegen bei „Spiegel Online“, „Spiegel TV“ oder den Journalisten beim englischen „Guardian“ und der „New York Times“. Rosenbach: „Ich halte es für sehr gut, dass der investigative Journalismus in Deutschland vorwiegend privatwirtschaftlich finanziert wird.“ Damit distanzierte sich Rosenbach auch von Stiftungsmodellen, wie es sie mittlerweile in den USA gibt.

Leyendecker und Rosenbach lobten die weithin gute Qualität deutscher Lokalzeitungen, die meist besser seien als ihr Ruf. „Große Organisationen haben das Privileg, sich auf Themen konzentrieren zu können. Aber es gibt auch hervorragende Beispiele im Lokaljournalismus“, so Rosenbach. Und Leyendecker ergänzte: „Natürlich spielen wir in der Bundesliga, aber es gibt auch herausragenden Journalismus im lokalen Bereich“.

Anne-Kathrin Thüringer hingegen wünschte sich neben den journalistischen Leuchttürmen mehr Engagement in der Fläche. Darüber hinaus hätten es auch weiche Themen verdient, von guten Rechercheuren ans Licht der Öffentlichkeit gebracht zu werden. Investigative Pools, kritisierte die Fernsehfrau, seien überwiegend mit politischen Journalisten besetzt. „Aber wir brauchen mehr Recherche im kulturellen Bereich.“

Susanne Scheerer-Maaß